Ostsee Karte Doris Manner
Ostsee Karte Doris Manner

Platons Alterswerk

Der Atlantisbericht ist Teil eines sehr umfangreich geplanten Alterswerks von Platon. Es sollte ein Redewettstreit zwischen drei Gelehrten, Timaios, Kritias und Hermokrates werden. Nur die erste Rede, die des Timaios, wurde beendet. Die zweite Rede, die des Kritias, die den Atlantisbericht enthält, brach Platon ab, als sie erst etwa ein Viertel der ersten Rede erreicht hatte. Platon hatte ursprünglich die Absicht, noch weit mehr über Atlantis zu schreiben.

 

Wie angekündigt, wollte Platon den allmählichen Verfall der Atlanter, ihren Krieg gegen Athen und den anschließenden Untergang beschreiben. Doch nach einer Beschreibung des alten Athens und der Insel Atlantis sowie deren großer Metropole mit genauen Abmessungen und nach einem kurzen Überblick über die Regentschaft der Könige folgte nur noch ein Absatz, in dem von der allmählichen Entartung des einst so großartigen Volkes die Rede ist. Zeus kann dem nicht länger zusehen. An dieser Stelle bricht Platon das ganze geplante Werk ab.

 

Dieses Werk, das aus drei Teilen, den Reden von Timaios, Kritias und Hermokrates bestehen sollte, blieb außer der ersten Rede unvollendet. Platon verfasste danach, schon in hohem Alter, sein umfangreichstes Werk Nomoi. - Und siehe da! Es ist, wie zu erwarten, die Fortsetzung der in Timaios begonnenen und in Kritias abgebrochenen Untersuchungen.

 

Timaios behandelt die Schöpfung bis zum Auftreten des Menschen. Nomoi beginnt mit der Untersuchung von Staaten, die noch nach göttlichen Gesetzen regiert wurden. (Die Parallele dazu sind die ursprünglichen vorbildlichen Gesetze in Atlantis). Im dritten Buch Nomoi geht es dann um die Sagen von den Vernichtungen der Menschheit. Wieder betont Platon, daß es sich um wahre Begebenheiten handelt und mit fast gleichen Worten wie im Atlantisbericht berichtet er, daß nur wenige Hirten mit ihren Herden auf hohen Bergen die Flut überlebten. „Auf den Gipfeln der Berge gerettete Funken der menschlichen Gattung“.

 

Alle Städte gingen damals unter...alle Werkzeuge... handwerkliches Können...mühsam Erfundenes...oder irgendein anderes Wissen Bezügliches, alles ging in damaliger Zeit verloren, so schreibt Platon in Nomoi 677a-d. Tausendmal Tausende von Jahren“ blieb dieses Wissen und das Können dieser untergegangenen Menschheit danach den folgenden Generationen verborgen, bis es kurz vor Platons Zeit wieder entdeckt wurde. „Tausendmal Tausende von Jahren“, Millionen Jahre, war das Wissen dieser alten Kultur der Menschheit verborgen, so schreibt Platon im dritten Buch Nomoi!

 

Sensationell für die damalige Zeit! Erst jetzt mehren sich Stimmen, die behaupten, den Homo sapiens habe es schon zur Saurierzeit gegeben. Bis vor ca. 200 Jahren glaubte die Wissenschaft noch, die ganze Menschheit hätte nur ein Alter von einigen tausend Jahren! Platon war geradezu revolutionär.

 

Als sich Platon bei der Ausarbeitung des Atlantisberichts intensiv mit dem Geschehen befaßte, muß ihm klar geworden sein, daß solche Entwicklungen wie die anfänglichen paradiesischen Zustände in der Geschichte der Menschheit, die langsame Entartung, Krieg und Untergang in einer kosmischen Katastrophe sowie das Wiedererstarken der dezimierten Menschheit nicht in ein paar Jahrtausenden vonstatten gehen können sondern Jahrmillionen benötigen. Nach Jahrmillionen kann aber kein Mensch mehr sagen, welche Völker damals gegeneinander gekämpft haben und wie sich alles zugetragen hat. Damit war es unsinnig, diese Erzählung, so wie sie Platon bis dahin aufgebaut hatte, fortzusetzen.

 

In der Gewissheit aber, daß irgendwo noch ein Ort existiert, der Zeugnis dieses Untergangs gibt, von dem die Atlantissage handelt, die damit für die Nachwelt von unglaublichem Interesse sein könnte, ließ Platon die Sage so stehen, wie er sie bis dahin begonnen hatte.

 

In Nomoi geht Platon anschließend der Frage nach, wie sich die Menschheit nach dieser Katastrophe (von denen es mehrere gegeben haben soll) weiterentwickelte: Es brauchte eine unendlich lange Zeit, bis sich die kleinen in öden Weiten verstreuten Gruppen langsam vermehrten und bis es wieder zur Gründung von Städten kam. Jede Gruppe brachte dann ihre eigenen Gewohnheiten mit in die neue Gemeinschaft und hielt daran fest. Das führte zu Unstimmigkeiten und Uneinigkeit. So Platons Theorie.

 

Es mussten also Gesetze geschaffen werden, die für alle Gültigkeit haben, und die Erziehung der Jugend müßte so ausgerichtet sein, daß sie sich dem Schönen und Guten zuwendet. Diesen Zielen widmet sich dann der Hauptteil des Werkes Nomoi.

 

Der Atlantisbericht war schon zur Zeit Platons eine Sage mit allen Merkmalen einer Sage, nämlich, daß ein Kern Wahrheit darin steckt, den es zu ergründen gilt. Da Sagen über lange Zeit zumeist mündlich überliefert wurden, sind Orts- und Zeitangaben, auch Inhaltsangaben, ungenau oder falsch und mit Produkten der Phantasie angereichert. Platon wurde klar, als er dies alles in Betracht zog, daß er diese Sage – wenn sie ihm auch sehr wichtig erschien – nicht zur Untermauerung seiner Theorie heranziehen konnte.

 

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Doris Manner